Europäische Wirtschaftspolitik - Lissabonstrategie
Einleitung
Die Entwicklung der Europäischen Union war und ist maßgeblich
von der Idee der Schaffung einer Wirtschaftsunion geprägt. Schon
bei der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
von 1957 heißen die Hauptziele "Errichtung eines gemeinsamen
Marktes, Schaffung einer Freihandelszone, einer Zollunion und Beseitigung
von Hindernissen für freien Verkehr von Personen, Dienstleistungen
und Kapital". Die Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes
schreitet seit dem stetig voran. Aufgrund der bislang erzielten positiven
Ergebnisse dieser Wirtschaftsunion ist die Wirtschaftspolitik in den
einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union folgerichtig mehr
und mehr durch europäische Dimensionen geprägt. Wichtige Weichenstellungen
der Wirtschaftspolitik werden zunehmend auf europäischer Ebene
getroffen. Dabei ist in den letzten Jahren zu berücksichtigen gewesen,
dass sich unsere Gesellschaft angesichts der Globalisierung von der
Industrie- zur Informationsgesellschaft wandelt. Da sich damit auch
die Bedingungen ändern, die der Wirtschaft zugrunde liegen, muss
sich auch die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik ändern.
Maßgeblich durch SozialdemokratInnen wurde daher auf dem Gipfel
der europäischen Staats- und Regierungschefs in Lissabon im Jahr
2000 eine neue Strategie - die Lissabonstrategie - ins Leben gerufen
(13 der 15 Mitgliedstaaten waren zu diesem Zeitpunkt sozialdemokratisch
regiert). Europa soll danach bis zum Jahre 2010 zum wettbewerbfähigsten
und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt werden -
einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum
mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren
sozialen Zusammenhalt zu erzielen. Das Neue hieran ist, dass Wirtschaftspolitik,
soziale Integration, Beschäftigungsförderung und Umweltsicherung
nicht länger als gegensätzliche Zielsetzungen angesehen werden.
Sie werden vielmehr als unverzichtbare und gleich bedeutsame Bausteine
angesehen, die sich im Rahmen eines umfassenden Reformkonzepts wechselseitig
ergänzen und verstärken sollen. Die Lissabon-Strategie soll
quasi bei allen politischen Maßnahmen im Hinterkopf behalten
werden.
Für die europäische Sozialdemokratie steht dabei die wichtigste
Modernisierungskraft, über die unsere Gesellschaften verfügt,
im Mittelpunkt: Die Fähigkeiten der Menschen, in deren Qualifikationen
und in deren Zukunft wir investieren.
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Die Lissabonstrategie
Ziele
Zu jedem dieser Ziele wurden konkrete und ehrgeizige Vorgaben und
Zeitpläne definiert, die von den Mitgliedstaaten umzusetzen sind:
Ganz oben auf der Agenda steht die Ausschöpfung des Binnenmarktpotenzials.
Dazu zählt beispielsweise die Öffnung ehemaliger Monopolbereiche
wie Strom, Gas und Postdienste für den Wettbewerb. Hier soll freier
und fairer Wettbewerb herrschen, damit VerbraucherInnen und UnternehmerInnen
in den Genuss der Vorteile des Binnenmarktes kommen (sinkende Preise,
neue Tätigkeitsfelder). Daneben sollen die europäischen Finanzmärkte
integriert werden, damit z.B. die europaweite Finanzierung von Unternehmen
- die ja potenzielle Arbeitgeber sind - erleichtert wird.
Ganz wichtig ist auch, den Mangel an Investitionen in Bildung
und Forschung zu beseitigen.
Denn Qualifikation durch hochwertige Ausbildung und lebenslanges
Lernen ist der Schlüssel für Wachstum und Wohlstand in der
Zukunft. Das Lissabon-Ziel für Investitionen in diesem Bereich
liegt bei 3 % (zum Vergleich derzeit: USA 2,7 %, Japan 2,98 %, EU-Durchschnitt
1,94 %, Deutschland 2,52 %, neue EU-Mitgliedstaaten 0,84 %).
Ein weiteres entscheidendes Ziel ist die Beschäftigungsstrategie.
Die Beschäftigungsquote insgesamt soll von 61 % im Jahr
2000 auf 67 % bis 2005 und 70 % bis 2010 steigen. Im gleichen Zeitraum
(bis 2010) soll das Versorgungsangebot für Kinder zwischen drei
Jahren und dem schulpflichtigen Alter europaweit auf 90 % und das für
Kinder unter drei Jahren auf 33 % angehoben werden. Ziel ist hier die
Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen von 51 % im Jahre 2000 auf
57 % bis 2005 und über 61 % bis 2010. Außerdem soll die durchschnittliche
Beschäftigungsquote für ältere ArbeitnehmerInnen (zwischen
55 und 64) bis 2010 auf 50 % steigen. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben,
dass die Lissabonstrategie nicht nur mehr, sondern auch bessere Arbeitsplätze
vorsieht. Die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen soll im Vordergrund stehen.
Die Lissabonstrategie sieht weiterhin die Sicherung der Sozialsysteme
vor.
Neben der Beseitigung der Arbeitslosigkeit (s.o.) ist eine grundlegende
Modernisierung der Arbeitsmärkte angestrebt. Hier stehen alle
Mitgliedstaaten vor dem gleichen Problem: der sog. demografischen Entwicklung:
die Alterung der Gesellschaft. In Deutschland beispielsweise waren
im Jahr 2000 16,1 % der Bevölkerung älter als 65 Jahre. Prognosen
zufolge sollen es 50 Jahre später bereits 27,7 % sein.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung von Informations-
und Kommunikationstechnologien,
um dem Gesellschaftswandel hin zur Informationsgesellschaft
Rechnung zu tragen.
Hierzu wurde beispielsweise der vom Europäischen Parlament unterstützte
Aktionsplan "eEurope" beschlossen, der unter anderem Maßnahmen
zur Verbreitung elektronischer Medien, zur Förderung des elektronischen
Geschäftsverkehrs oder die Schulung und Teilhabe aller BürgerInnen
an den neuen Medien vorsieht.
Im Bereich der Nachhaltigkeits- und Umweltpolitik
schließlich haben sich die Mitgliedstaaten im Rahmen der Lissabonstrategie
zur Umsetzung der Kyoto-Ziele durch Verringerung der Treibhausemissionen
und der Erhöhung des Anteils an erneuerbaren Energien bis 2010
verpflichtet.
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Umsetzung der Strategie - Maßnahmen
Der Erfolg einer Strategie hängt entscheidend von den Arbeitsinstrumenten
ab. Um die Koordinierung der Lissabonstrategie auf europäischer
Ebene sicher zu stellen, wurden in Lissabon drei wichtige Entscheidungen
getroffen: Erstens treffen sich die Staats- und Regierungschefs in jedem
Frühjahr zum sogenannten "Frühjahrsgipfel". Zweitens
soll vermehrt auf ein neues Verfahren der Verabredung politischer Ziele
("Methode der offenen Koordinierung") zurückgegriffen
werden und drittens sollen die Instrumente zur Überprüfung
und Neuausrichtung der gemeinsamen Politik verstärkt werden.
Beim Frühjahrsgipfel müssen die Staats- und Regierungschefs
Farbe bekennen und sich zur wirtschafts- und sozialpolitischen Lage
der Union äußern. Die Fortschritte der einzelnen Länder
werden verglichen und analysiert. Der sich daraus ergebende Handlungsbedarf
wird dann als Teil der Strategie in Form von Schlussfolgerungen an die
entsprechenden Akteure weiter gegeben.
Die Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik wird im EG-Vertrag
explizit als "Angelegenheit von gemeinsamem Interesse" definiert.
Beide Bereiche fallen unter die nationale Zuständigkeit der Mitgliedstaaten,
so dass eigentlich kein Raum für gemeinschaftsweite Regelungen
ist. Da in beiden Bereichen ein europaweiter Ansatz bessere Lösungen
verspricht als nationale Regelungen, macht man von der Möglichkeit
Gebrauch, diese Politikbereiche mit der Zielsetzung eines stärkeren
Zusammenwachsens auf EU-Ebene zu koordinieren. Der Kern dieser sog.
"Methode der offenen Koordinierung" ist, innerhalb einer
gesetzten Frist gemeinsam verabredete Ziele zu erreichen. Den getroffenen
Verabredungen liegen Selbstverpflichtungen eines jeden Mitgliedstaates
zugrunde, wobei jeder nach dem Subsidiaritätsprinzip seinen eigenen
Lösungsweg wählen kann.
Durch Instrumente zur Überprüfung wie regelmäßige
Auswertungen und benchmarkings können die Maßnahmen der
einzelnen Mitgliedstaaten verglichen werden. Dies hat den Vorteil, dass
Fehlerquellen entdeckt werden oder positiv verlaufende Maßnahmen
von anderen Staaten übernommen werden können. Durch diese
konstruktive Beobachtung wird die Effektivität der Maßnahmen
in den einzelnen Mitgliedstaaten gewährleistet. Gleichzeitig wird
die Effektivität der gesamten Strategie überprüft.
SPE-Position
Die Lissabon-Strategie ist aus sozialdemokratischer Sicht von besonderer
Bedeutung, weil sich in ihr wesentliche Elemente unserer Vorstellungen
zur Gestaltung Europas wieder finden. Die Ziele der Lissabonstrategie
entsprechen den Zielen der SozialdemokratInnen: Wir sind für ein
innovativeres Europa, für mehr Beschäftigung in Europa und
für die Modernisierung des Europäischen Sozialsystems. Es
liegt auf der Hand, dass wir die Lissabonstrategie daher nachdrücklich
unterstützen.
Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Lage in Europa in den vergangenen
zwei Jahren durch schwaches Wachstum, eine unbefriedigende Beschäftigungsentwicklung
und eine Verschlechterung der öffentlichen Finanzsalden gekennzeichnet
war, ist die rasche und vollständige Umsetzung der Lissabon-Agenda
drängender als zuvor.
Nur so wird aus der sich gegenwärtig abzeichnenden wirtschaftlichen
Belebung ein nachhaltiger und kräftiger Aufschwung, der neue, wettbewerbsfähige
Arbeitplätze hervorbringt. Dies ist das Ziel der SozialdemokratInnen
für Deutschland und Europa insgesamt!
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